Ein Zug, der durch endlose, schneebedeckte Weiten rast. …">

Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Snowpiercer: Jeder an seinem Platz

Die Crew

Ein Zug, der durch endlose, schneebedeckte Weiten rast. Menschen, eingepfercht in fensterlosen Waggons, unterdrückt von sadistischen Wachen, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Das ist die Welt, in der Snowpiercer spielt.

Ein paar Einblendungen zu Beginn des Films erzählen, wie es dazu gekommen ist. Um der globalen Erwärmung Herr zu werden, bedient sich die Menschheit eines experimentellen Gases, das in die Atmosphäre entlassen wird. Der Plan geht ein bisschen zu gut auf. Innerhalb kürzester Zeit sinken die Temperaturen, bis sich der ganze Planet in eine leblose Eiswüste verwandelt. Nur einigen wenigen Überlebenden gelingt es, sich in einen Zug zu retten, der seitdem seine Kreise rund um die Welt zieht.

Die Handlung setzt siebzehn Jahre nach der Katastrophe ein. An Bord des Snowpiercers ist ein bizarres Klassensystem entstanden. Ein Großteil der Passagiere vegetiert im Slum am Ende des Zugs vor sich hin. Die Enge ist bedrückend, alles ist verdreckt, mit Insekten verseucht und armselig. Die einzige Nahrung der Menschen besteht aus glibbrigen Proteinriegeln, Stahltore trennen sie vom Rest des Zuges. Ein Mann namens Curtis (Chris Evans) will sich dieses Leben nicht länger gefallen lassen. Zusammen mit Gilliam (John Hurt), dem inoffiziellen Anführer der Slumbewohner, und einem geheimnisvollen Verbündeten, der ihnen Nachrichten aus der ersten Klasse zukommen lässt, plant er die Revolution. Doch die kann nur erfolgreich sein, wenn er die Spitze des Zugs erreicht und Wilford, den Erbauer und Lokführer des Zugs besiegt.

Dies ist die Ausgangssituation von Joon-ho Bongs Snowpiercer. Die Trailer suggerieren, dass es sich um einen geradlinigen Actionfilm handelt, bei dem sich die Protagonisten an immer stärker werdenden Gegnern vorbei bis zum Endboss durchkämpfen müssen. So eine Art Raid im Zug. Der Anfang des Films passt auch dazu.

Und dann hat Tilda Swinton ihren ersten Auftritt.

Sie spielt Mason, eine Vertraute von Wilford, die sich nach einem Handgemenge an die Slumbewohner wendet, um ihnen die Ordnung der Dinge im Zug noch einmal zu verdeutlichen. Mit religiöser Verzückung schwärmt sie von Wilford und der “heiligen Maschine”, während ein Mann neben ihr verstümmelt wird. Mason ist eine groteske Figur - in Aussehen und Verhalten - und dank Tilda Swintons phänomenaler Darstellung wird sie zum Sinnbild des Irrsinns, der an Bord des Snowpiercers herrscht.

Nach ihrer Einführung verabschiedet sich der Film von seiner Geradlinigkeit. Die Aufständischen kämpfen sich oder wandern verwirrt durch zunehmend bizarrer werdende Waggons, immer wieder unterbrochen von Action oder langen Dialogen. Die Action ist sehr gut inszeniert, die ruhigen Szenen sind nie langweilig, aber es ist nachvollziehbar, weshalb die Weinsteins Snowpiercer kürzen wollten. Leicht zu vermarkten ist der Film nicht.

Sein Tonfall schwankt ständig zwischen Groteske, Action und Drama. Die Handlung hält auch gern mal für ein paar Minuten an oder macht Schlenker, um irgendwas zu zeigen, was Autor und Regisseur cool fanden. Das geht so weit, dass Snowpiercer sich in seinen Ideen zu verlieren droht, aber wie ein Zug, der in einer scharfen Kurve abhebt, landet er (meistens) wieder auf den Schienen.

Das Szenario, das der Film darstellt, ist vielleicht nicht realistisch oder in seiner Umsetzung logisch, aber es wird mit Liebe zum Detail dargestellt. Jeder Waggon wirkt wie eine eigene Welt, wenn etwas nicht mehr verfügbar ist, wie zum Beispiel Zigaretten, sagen die Figuren “Das ist ausgestorben”, was verdeutlicht, wie hoffnungslos das Leben im Zug ist. Früher oder später wird alles ausgestorben sein, auch die letzten Überlebenden der Menschheit.

Snowpiercer ist weder ein glatter, noch ein perfekter Film, aber er bietet etwas, das man in Zeiten von Fokusgruppen und Monsterbudgets nicht mehr gewöhnt ist: Unberechenbarkeit. Man weiß nie, was einen in der nächsten Minute erwartet. Das, kombiniert mit hervorragend inszenierter Action und Charakteren, die man nicht jeden Tag sieht, unterhält ungemein und verdient die Höchstwertung von fünf Sternen.

The Day of the Doctor

Eine spoilerfreie Kurzkritik direkt zu Anfang: Ja, der Hype war berechtigt. “The Day of the Doctor” reiht sich nahtlos in die großen Klassiker der Serie wie “Tomb of the Cybermen”, “The Pyramids of Mars”, “Talons of Weng-Chiang” und “Blink” ein. Große Gefühle, große Effekte, große Liebe zum Detail.

Alle außer Capaldi

So, und jetzt zur Handlung. Die Geschichte spielt auf drei Zeitebenen, einmal im sechzehnten Jahrhundert, wo der zehnte Doktor versehentlich Königin Elizabeth I. einen Antrag macht, dann im zwanzigsten Jahrhundert, wo der elfte Doktor sich mit einer Invasion gestaltwandelnder Aliens (den Zygons) herumschlagen muss und schließlich während des Zeitkriegs auf Gallifrey. Dort begegnen wir dem mysteriösen “Krieger” (John Hurt), der Inkarnation des Doktors, die verhindern soll, dass der Krieg zwischen Time Lords und Daleks das ganze Universum in einen tödlichen Strudel reißt. Er sieht nur eine Möglichkeit: Beide Gegner müssen vernichtet werden, Gallifrey muss fallen. Um das zu erreichen, stiehlt er die gefährlichste Waffe des Universums, genannt The Moment. Was sie so gefährlich macht, ist nicht nur ihre Zerstörungskraft, sondern das Gewissen, das sie besitzt. Es nimmt die Gestalt von Rose (Billie Piper) an, die sich “Bad Wolf Girl” nennt (eine Anspielung auf die Folgen “Bad Wolf” und “The Parting of the Ways”) und ergründen will, weshalb der Krieger etwas so Entsetzliches plant.

Diese drei Zeitebenen verschmelzen rasch zu einer Geschichte und bringen alle drei Inkarnationen des Doctors zusammen. Rose übernimmt dabei eine Rolle, die an den Geist aus A Christmas Carol erinnert. Sie zeigt dem Krieger, welche Konsequenzen seine Tat für ihn selbst haben wird. Das alles hätte Moffat im Stil einer Shakespeare-Tragödie schreiben können, denn der Zeitkrieg ist seit dem Reboot der Serie im Jahr 2005 das wichtigste, immer wieder in den Vordergrund rückende Ereignis. Der damalige Chefautor Russell T. Davies sah den Doktor als einen einsamen Getriebenen, der als letzter Time Lord mit der Schuld leben muss, das blutigste Kapitel in der Geschichte des Universums geschrieben zu haben.

Das hat Moffat zwar übernommen, aber seit dem Wechsel von Tennant auf Smith abgemildert. In “The Day of the Doctor” schließt er endgültig Smith und Tennant ernstdamit ab. Die drei Inkarnationen des Doctors - der Gebrochene, der sich selbst nicht einmal mehr Doctor nennen kann, der Getriebene und der, der nur noch vergessen will - kommen zusammen, um ihr Schicksal und das des gesamten Universums umzuschreiben und einen Neuanfang zu finden. Und das setzt Moffat rasant, liebevoll und witzig um. Seine Anspielungen auf die lange Geschichte der Serie beginnen mit dem Vorspann und der ersten Szene, beides Verbeugungen vor “An Unearthly Child”, und setzen sich bis zum absoluten Fan-Höhepunkt, einer gemeinsamen Aktion aller dreizehn Inkarnationen (inklusive Peter Capaldi in einer dreisekündigen Einstellung), fort. Der Schal von Doctor Nummer Vier taucht auf, ebenso die Tochter von Brigadier Lethbridge Stewart, die wie ihr Vater für UNIT arbeitet. Und am Ende gibt es einen Gastauftritt, den ich trotz Warnung nicht spoilern möchte. Nur so viel: besser hätte man die Folge nicht beenden können.

Dass mehrere Inkarnationen zusammenkommen, hat bei Doctor Who seit dem Special “The Three Doctors” von 1973 Tradition. Funktionieren kann das nur, wenn die Schauspieler den Zuschauern vermitteln können, dass sie tatsächlich Aspekte der selben Person sind. Das gelingt Smith und Tennant mühelos und mit sichtlichem Vergnügen. Sie zeigen die gleichen Mannerismen, sprechen manchmal sogar synchron und ziehen sich gegenseitig auf. Hurt wirkt neben ihnen eher wie ein Großvater, der nicht so ganz verstehen kann, wie sich die Welt verändert hat. In einer der witzigsten Szenen der Folge verwechselt er seine Nachfolger mit Begleitern des Doctors, weil sie so jung sind. Als er das Missverständnis erkennt, fragt er nur: “What is this? Am I having a midlife crisis?”

“The Day of the Doctor” macht sehr viel Spaß. Who-typisch ist die Handlung etwas verworren und ich bin mir nach einmaligem Ansehen nicht sicher, ob alles wirklich Sinn ergibt. Doch das ist auch nicht so wichtig, denn Moffat gelingt es, die Dose Würmer, die Davies mit der nie vernünftig erklärten Zeitkriegsgeschichte geöffnet hatte, sauber zu verschließen. “No more” schreibt John Hurt am Anfang der Folge mit einer Waffe auf eine Mauer von Arcadia und man bekommt den Eindruck, dass er damit Moffats Gedanken widergibt. Keine Schuldgefühle mehr, keine Nabelschau mehr, kein dumpfes Brüten mehr. Der Doctor hat seine eigene Geschichte gelöscht, die Seite ist leer, der Cursor blinkt. Was auch immer Moffat und sein Doctor Capaldi ab dem nächsten Herbst dort erzählen wollen, wird ihres sein. Und darauf bin ich sehr gespannt.

Unendliche Weiten und schreckliche Enge - Kritik zu Gravity

Achtung: Spoiler!

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Der Trailer zu Gravity sah zwar geil aus, aber ich dachte, das wäre einer von diesen Fakes so wie die Bilder der Burger in Fast-Food-Restaurants. Ihr wisst schon: fettes, saftiges Rinderhack und Salat, von dem Wassertropfen perlen auf dem Foto, Soylent Green auf dem Teller.

Im Trailer rummst es ganz gewaltig. Bei den Ausschnitten schien es sich aber um Szenen aus den ersten fünf Minuten zu handeln und ich war mir sicher, der Rest des Films bestünde aus langweiligem Gelaber zwischen Bullock und Clooney mit gelegentlichen dramatischen Einwürfen wie “Oh mein Gott, ich habe nur noch für eine halbe Stunde Sauerstoff”.

Das dachte ich.

Oh Mann, lag ich falsch.

Gravity rummst von der zweiten bis zur neunundachzigsten Minute, und bei einer Lauflänge von gerade mal neunzig Minuten ist das schon ordentlich.

Die Geschichte lässt sich schnell umreißen. Sandra Bullock spielt eine Wissenschaftlerin, die eine Woche an Bord der ISS verbringen soll und Shuttle-Pilot George Clooney und seinem Kollegen bei der Reparatur eines Satelliten hilft. Parallel dazu schießen die Russen einen ihrer eigenen Satelliten ab, was zu einer Kettenreaktion führt, die Trümmerfelder wie Geschosse durch die Umlaufbahn rasen lässt - das Ergebnis seht ihr im Trailer.

Das Shuttle wird zerstört, Clooney und Bullock treiben hilflos im All, aber was nun folgt, ist nicht etwa pseudophilosophisches Gelaber (okay, vielleicht ein bisschen), sondern eine knackige, spannend und schnell erzählte Geschichte vom Überleben in einer Extremsituation.

Clooney spielt Shuttle-Piloten Matt mit einer souveränen Gelassenheit, Bullock wirkt als Dr. Ryan Stone verstört, gestresst und überfordert. Die Metamorphose, die ihre Figur durchmacht, zeigt uns Regisseur Alfonso Cuaron in einigen kurzen, von Anspielungen auf Tod, Wiedergeburt und Evolution geprägten Bildern. Das klingt jetzt relativ abstrakt, verleiht Ryan aber eine Tiefe, die weit über die Frage: “Packt sie es oder packt sie es nicht?” hinausgeht.

Poster zu GravityDer heimliche Star von Gravity ist jedoch die titelgebende Schwerkraft, beziehungsweise deren Fehlen. Ich kann mich an keinen Film erinnern, der die Eleganz und die gleichzeitig unbeholfene Schwerfälligkeit, die damit verbunden sind, so perfekt eingefangen hat. Mal schwimmt Ryan schnell und sicher wie ein Delphin durch die Gänge einer Raumstation, nur um im nächsten Moment an etwas so simplen wie einem Feuerlöscher zu scheitern. In diesen Sequenzen erkennen wir als Zuschauer, wie fremd und gefährlich das Leben außerhalb unseres Lebensraums wirklich ist.

Cuaron kombiniert diese Elemente immer wieder. Die klaustrophische Enge der ISS wechselt sich mit Bildern des unendlich weiten Alls ab, in dem Menschen innerhalb weniger Minuten zu sternengroßen Punkten im Nichts werden. Ein Sonnenaufgang am Erdhorizont steht im Kontrast zu tödlicher Kälte und Dunkelheit. Kleines und Großes, Enge und Weite, Schönheit und Schrecken - das sind die Konzepte, mit denen der Film spielt.

Das macht er in so phantastischen Bildern, dass man Gravity auf einer möglichst großen Leinwand sehen sollte. Sogar 3D funktioniert hier ausnahmsweise, vor allem in den Sequenzen, in denen man aus Ryans Helm auf das Geschehen zu blicken scheint.

Ryan allein im AllVorwerfen kann man dem Film nur, dass Ryan zu viel passiert. Sie schlittert so sehr von einer Gefahr in die andere, dass sie zur lebenden Verkörperung von Murphy’s Law wird. Es geht tatsächlich alles schief, was schiefgehen kann. Irgendwann in der Mitte von Gravity wartete ich darauf, die Dreiecksflossen von Haien an den Bullaugen der Raumstation vorbeiziehen zu sehen. Hey, nach Sharknado hätte man auch auf diese Idee kommen können.

Das ist aber nur ein kleiner Makel an einem Film, der auf neunzig Minuten tolle Unterhaltung, überraschende Wendungen und großartige Weltraumeffekte bietet. Wenn es nach mir ginge (tut es natürlich nicht) würde die Schwerkraft den Oscar als beste Hauptdarstellerin bekommen. Verdient hätte sie es.

5/5

Pleiten, Pech und Pints - Kritik zu The World’s End

Achtung Spoiler

Simon Pegg als Gary KingGary King ist cool. Mit schwarzem Mantel, Sonnenbrille und Sisters-of-Mercy-Shirt schreitet er durch eine englische Kleinstadt, umgeben von vier Freunden, die eher wie Publikum wirken und (scheinbar?) ehrfürchtig zu ihm aufsehen. Gary hat nur zwei Ambitionen: Er will Spaß haben, wie er seinem Schuldirektor sagt (Pierce Brosnan in einer großartigen Nebenrolle) und mit seinen Freunden die Goldene Meile beenden. Dabei handelt es sich um einen Weg, an dem zwölf Pubs liegen. Der erste heißt The First Post, der letzte The World’s End. Zwölf Pubs, zwölf Pints. Das ist es, was Gary und seine Freunde sich eines Tages vornehmen.

Die Mission scheitert, doch Gary ist trotzdem zufrieden. Als er mit den beiden Freunden, die noch nicht bewusstlos zusammengebrochen sind, die Sonne über seiner Stadt aufgehen sieht, denkt er, dass er niemals wieder so glücklich sein wird.

Zwanzig Jahre später. Gary hat recht behalten. Die Freunde haben eigene Wege beschritten, jeder lebt ein relativ langweiliges Leben mit normalen Jobs und normalen Familien. Nur Gary hat den Sprung ins Erwachsensein nicht geschafft. Er haust in einem heruntergekommenen Loch und trägt die gleichen Klamotten wie in seiner Jugend. Die Welt hat sich weiter gedreht, nur Gary ist stehen geblieben. Das macht ihn zu einer traurigen Gestalt, zu einem Verlierer, mit dem niemand etwas zu tun haben will.

Durch Lügen und Manipulationen gelingt es ihm jedoch, die ehemaligen Freunde davon zu überzeugen, die Goldene Meile noch einmal zu versuchen. An einem Freitag Nachmittag kehren sie in ihre Heimatstadt zurück. Dort erkennen sie schnell, dass zwölf Pints bei weitem nicht das größte Problem ist, vor dem sie stehen.

Die Pubs der goldenen MeileEdgar Wright begann seine sogenannte Cornetto-Trilogie mit Shaun of the Dead. Darauf folgte Hot Fuzz und nun der Abschlussfilm The World’s End. Ein besseres Ende hätte er nicht wählen können. Simon Pegg ist als Gary King perfekt besetzt, ebenso wie Martin Freeman, Nick Frost, Paddy Considine und Eddie Marsan als seine Freunde. Es sind Figuren, die man zu kennen glaubt und ihre Unterhaltungen kurz nach dem Wiedersehen sind jedem vertraut, der mal das Missvergnügen hatte, ein Abitreffen zu besuchen. Sie geben mit dem an, was sie erreicht haben und schwelgen in Nostalgie. Doch hinter der Fassade verbergen sich nicht nur unerfüllte Träume, sondern auch dunkle Erinnerungen. Einzig Gary scheint dagegen immun zu sein. Für ihn ist die Gegenwart eine Illusion und nur die Vergangenheit real. Er lebt in ihr wie einer Blase.

Das alles erzählt The World’s End in den ersten vierzig Minuten. Die Geschichte ist eigentlich traurig, aber die Autoren Wright und Pegg versehen sie mit so viel Witz und Sympathie für ihre Figuren, dass es einfach nur Spaß macht, ihr zu folgen. Als es zum Bruch kommt, den der Trailer leider verrät, sind die Charaktere etabliert und als Zuschauer wissen wir, wo wir dran sind. Was darauf folgt, ist pures Genre-Vergnügen. Action, Effekte, Slapstick und Wortwitz bestimmen die zweite Hälfte, aber Wright verliert seine Figuren nie aus den Augen. Sie treiben die Handlung voran, ihr Schicksal steht im Vordergrund. Das beweist er vor allem beim Ende, das zu den überraschendsten und besten gehört, die ich in diesem Jahr gesehen habe.

Wright und Pegg haben bereits in den beiden Vorgängerfilmen gezeigt, dass sie selbst die skurrilsten Situationen völlig normal wirken lassen können. In The World’s End gelingt ihnen das durch den simplen Trick, dass Gary und seine Freunde immer betrunkener werden. Das erinnert ein wenig an Cabin in the Woods, in dem das unlogische Handeln der Charaktere durch eine Art Verdummungsgas ausgelöst wird. Das Ergebnis ist das gleiche: Wir nehmen ihnen die schwachsinnige Entscheidung, die Goldene Meile trotz einer immensen Bedrohung zu Ende zu bringen, einfach ab.

Andy (Nick Frost) bringt es auf den Punkt: “Gary suggested it. None of us has a better idea, so fuck it.”

The World’s End ist einer dieser seltenen Filme, die nichts falsch machen. Das Timing stimmt bis auf die Sekunde und die Figuren reißen einen mit. Die Geschichte wird mit einer solchen Freude und Leichtigkeit erzählt, dass man das Kino grinsend verlässt. Und danach ein Bier trinken will. Oder auch zwölf.

5/5

Die Freunde an der Theke

The Lone Ranger

Achtung: Spoiler

Lone RangerFangen wir mit der Handlung an, was The Lone Ranger übrigens auch hätte tun sollen. Stattdessen beginnt er mit einer in den 1930ern angesetzten Rahmenhandlung, in der ein uralter Tonto einem kleinen Jungen den Film erzählt. Das geht soweit, dass die eigentliche Geschichte mehrfach unterbrochen wird, weil der Junge in der Zukunft eine Frage stellt oder etwas, das Tonto erzählt, nicht glaubt.

Und ich mache hier den gleichen Fehler wie der Film. Ich kündige eine Sache an, mache dann etwas völlig anderes, vergesse, was ich eigentlich sagen wollte und… oh, guckt mal, was glitztert da hinten denn so schön?

Wo war ich?

Ach ja, bei der Handlung. The Lone Ranger erzählt die Geschichte von John Reid, einem idealistischen, jungen Anwalt, der in seine Heimatstadt zurückkehrt. Dort gerät er in die Spannungen zwischen aufständischen Comanchen und einem machthungrigen Eisenbahnunternehmer. Als sein Bruder, ein texanischer Ranger, von dem Outlaw Butch Cavendish (geiler Name übrigens) ermordet wird, nimmt Reid die Identität des maskierten Lone Rangers an. Gemeinsam mit einem hochgradig gestört wirkenden Comanchen namens Tonto macht er sich auf die Jagd nach Cavendish, der vielleicht nicht nur ein einfacher Outlaw ist, sondern ein Wendigo - ein kannibalistisch veranlagter, indianischer Dämon.

Klingt gar nicht mal schlecht, oder? Leider hat der Film ein gravierendes Problem.

Er macht keinen Spaß.

Helena Bonham CarterThe Lone Ranger glaubt, dass er Spaß macht, dabei ist er wie ein kleines Kind, das den Erwachsenen seine Lieblingswitze erzählen will, aber ständig die Pointe vergisst. Man hört ihm mit gezwungenem Lächeln zu und hofft, dass die Eltern es endlich ins Bett schicken - und das zwei Stunden und zwanzig Minuten lang.

Dieses Problem bringt man am besten auf den Punkt, wenn man sich die Figuren ansieht. Armie Hammer, der in The Social Network echt gut war, spielt John Reid so hölzern und uninspiriert, dass man glaubt, seine einzige Erfahrung sei ein Schauspiel-Tutorial auf YouTube. Reid sollte den unschuldigen Charme eines Brendan Frasers haben und Sympathieträger des Films sein, aber er stolpert sinnlos durch die Handlung, wirkt mal zickig, mal naiv und lässt sich von Tonto bis zum Ende verarschen.

The Lone Ranger ist nichts anderes als die Origin Story für einen Superhelden. Es gibt ein kataklysmisches Ereignis, das den Helden auf seinen Weg bringt, eine Erklärung für sein Kostüm und einen scheinbar unbesiegbaren Gegner, den der Held dann aber doch besiegen kann. Warum? Weil er seine Schwächen überwunden hat und menschlich/mutantisch/außerirdisch an seinen Aufgaben gewachsen ist. All das tut Reid nicht. Er fängt den Film als halbwegs netter Idiot an und beendet ihn auch so.

Schlimmer als Reid ist nur noch Tonto, nicht zuletzt, weil man von Johnny Depp mehr erwartet. Deutlich mehr. Wenn er Tonto wie Jack Sparrow spielen würde, könnte man sagen: “Faule Sau” und den Rest der Show genießen. Aber er spielt ihn… irgendwie gar nicht.

Ich habe eine Vorstellung, wie das Brainstorming zwischen ihm und Regisseur Gore Verbinski abgelaufen sein könnte.

Depp: “Sag mal, Gore, was für ein Typ ist Tonto? Ist er eine Art heiliger Narr oder einfach nur verrückt?”

Verbinski: “Ist doch scheißegal. Er hat eine Krähe auf dem Kopf.”

TontoEr hat eine Krähe auf dem Kopf ist die einzige Charakterisierung, die Tonto erfährt. Abgesehen davon erfüllt er nur die Rolle, die im Drehbuch gerade verlangt wird. Er haut ein paar Sprüche raus, guckt irre, erklärt die Handlung, macht Slapstick und ist vor allem unglaublich asi zu Reid. Am Anfang ist sein Verhalten noch nachvollziehbar, doch ungefähr ab der Hälfte fragt man sich, weshalb Reid sich von ihm so vorführen lässt. Die beiden sind keine Freunde und sie werden es auch nicht. Das ist kein absichtlicher Kniff des Drehbuchs, sondern das Versagen von Autoren, die glauben, jemanden mit dem Kopf durch Pferdescheiße zu ziehen, sei so lustig, dass man die Integrität der Figuren dafür ruhig opfern kann.

Falsche Prioritäten, Humor auf dem geringsten gemeinsamen Nenner und eine desinteressiert abgespulte Story, die beim Zuschauer außer Verwirrung keine wesentlichen Emotionen hervorruft: das ist The Lone Ranger. Das einzig übersinnliche Element - der Wendigo und damit die Vorstellung, dass die Natur aus dem Gleichgewicht geraten ist - wird zu einem Monty-Python-artigen Killerkaninchen-Witz degradiert. Skurrile Figuren wie die von Helena Bonham Carter gespielte Bordellbesitzerin mit Beinprothese oder ein Outlaw, der gern Frauenkleider trägt, tauchen auf und verschwinden wie in einer Geisterbahn.

Das könnte einen auf die Idee bringen, der Film sei an seinen Ambitionen gescheitert, aber das wäre falsch. The Lone Ranger ist gescheitert, weil er aus einem Wirrwarr aus unfertigen Ideen besteht. Das spiegelt sich sogar in den zwar bombastisch inszenierten, aber unzusammenhängenden Actionszenen wider. Man hat den Eindruck, dass Disney eine Rundmail rausgeschickt hat, bei der jeder von der Poststelle bis zur Buchhaltung sagen durfte, was er gern im fertigen Film sehen würde.

“Ich will ein Pferd auf dem Dach eines Zugs.”

“Ich will so eine Verfolgungsjagd wie in Indiana Jones 2.”

“Ich will Skorpione.”

Schade, dass niemand aus all dem eine Geschichte machen konnte oder wollte. Aber hey, Johnny Depp hat eine Krähe auf dem Kopf. Was braucht ihr denn mehr?

2/5